Jungenbeschneidung weltweit zur Diskussion

Einige Tage nachdem ein deutscher Richter entschied [1], dass die Beschneidung von Jungen  ohne medizinische Notwendigkeit eine Straftat darstellt, organisierte die KNMG am 28. Juni eine internationale Fachtagung zu eben diesem Thema. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob die Beschneidung ein Eingriff ist, den Ärzte bekämpfen, verbieten oder fördern sollten. Die Diskussion vollzog sich einer respektvollen Atmosphäre und konzentrierte sich besonders auf die medizinischen Folgen der Beschneidung. 

Wenn über Komplikationen der Beschneidung gesprochen wird,  denkt mam meistens an Probleme, die unmittelbar nach dem Eingriff auftreten. Diese Komplikationen, die in zwei bis vier Prozent der Fälle auftreten, sind im Allgemeinen leicht und vorübergehend. Doch wurde in den vergangenen Monaten auch über mehrere Todesfälle [2] berichtet, und auch andere schwerwiegende Komplikationen treten mit einiger Regelmäßigkeit auf. Viele Probleme treten allerdings erst viele Monate oder Jahre nach der Operation auf, so dass die Verbindung mit der Beschneidung oft nicht hergestellt wird.

Sexuelle Folgen 

Der dänische Forscher Morten Frisch veröffentlichte eine im Jahr 2011 eine aufsehenerregende Studie [3], in der gezeigt wurde, dass beschnittene Männer und ihre Partner viel häufiger sexuelle Probleme haben, als nicht-beschnittene Männern. Bei diesen Problemen handelt es sich vor allem um Dyspareunie (schmerzhafter Geschlechtsverkehr) und Schwierigkeiten einen Orgasmus zu bekommen. Auffallend ist, dass die Probleme nicht nur bei den beschnittenen Männern selbst, sondern auch bei deren Partner auftreten. Die Ursache dieser Probleme liegt, laut Frisch, in der Tatsache, dass die Vorhaut eine Anzahl von Nerven und Drüsen besitzt, die für die Sexualität von Belang sind. Darüber hinaus führt ihre Amputation zu einer reduzierten Empfindlichkeit der Eichel, was manchmal negative Folgen für das sexuelle Erlebnis hat.

Harnröhrenöffnungsverengung

Ein weiteres häufiges Problem nach der Beschneidung ist die Meatusstenose, eine Verengung der Harnröhrenöffnung, die wahrscheinlich als Folge der Reibung der Eichel gegen die Unterwäsche ensteht. Diese Stenose, die oft unentdeckt bleibt, tritt bei 4-20 Prozent [4] der beschnittenen Jungen auf und kann unter anderem zu Problemen beim Wasserlassen führen.

Die der Beschneidung zugeschriebenen Vorteile, wie etwa ein möglicherweise vermindertes Risiko für HIV-Übertragungen sind wissenschaftlich umstritten und stellen auch keine Rechtfertigung dar, ein Kind zu beschneiden, bevor dieses sexuell aktiv ist, und selbst über diesen Eingriff entscheiden kann. Gleiches gilt für ein eventuell vermindertes Risiko für HPV-Übertragungen, gegen die außerdem eine Schutzimpfung existiert.

Medizinische Indikationen 

Die Diskussion über die Beschneidung von Jungen aus nicht-medizinischen Gründen erfolgt zu einer Zeit, in der Urologen sich fragen [5], welche medizinische Indikationen zur Beschneidung es genau gibt. Nach dem Utrechter Professor für Kinder-Urologie Tom de Jong ist die Phimose sicher kein guter medizinischer Grund, obwohl wegen dieses Zustands immer noch häufig Beschneidungen durchgeführt werden. Den meisten Patienten mit einer verengten Vorhaut kann jedoch durch Corticoidsalbe, in Kombination mit Dehnübungen geholfen werden. Führt dies nicht zum Erfolg, dann kann ein kleiner chirurgischer Eingriff, eine sogenannte Präputiumsplastik, fast immer eine Lösung bieten. Angesichts der Schäden, die eine Beschneidung kurz und langfristig anrichten kann, laut Jong, müssen Urologen viel häufiger von der Beschneidung absehen und sich mit der Präputiumsplastik vertraut machen.

Eltern, die auf die Beschneidung verzichten 

Auch innerhalb der religiösen Gruppen scheint die Beschneidung nicht unumstritten zu sein. Ein Vertreter des israelischen Gesundheitsministeriums berichtet, dass in Israel eine wachsende Gruppe von Eltern [6], auf die Beschneidung verzichtet. Auch in Amerika trifft eine wachsende Bewegung [7] jüdischer Eltern die gleiche Wahl. Sie haben alternative [8] Rituale entwickelt, bei denen die körperliche Unversehrtheit nicht verletzt wird.

Nicht nur Eltern ringen mit dem chirurgischen Eingriff, auch Ärzte-Organisationen tun dies. Wie die KNMG, betrachtet auch der Norwegische Ärztebund die Beschneidung von Jungen als Verletzung des Rechtes auf Selbstbestimmung und des Rechtes auf körperliche Unversehrtheit. Auch steht dieser Eingriff im Widerspruch mit dem ärztlichen Eid, der besagt, dass Ärzte niemanden Schaden zufügen dürfen.

Beide Ärzteorganisationen glauben auch, dass wenn die Beschneidung immer noch stattfindet, diese nur de lege Artis durchgeführt werden müssen. Aus diesem Grund, fürchten sie die Folgen eines Verbots. Es besteht das Risiko, dass wenn Operationen in der Illegalität durchgeführt werden, der medizinische Schaden noch größer sein wird. Dennoch erwartet Trond Mark Urban, der Vorsitzende der Ethikkommission des Norwegischen Ärztebundes, dass Norwegen dem Beispiel Deutschlands folgen und schließlich die Beschneidung von Jungen verbieten wird. 

Referenzen

  1.  Duits gerechtshof verbiedt jongensbesnijdenis
  2.  Queen’s Park baby bled to death two days after being circumcised
  3.  Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark
  4.  Incidence of asymptomatic meatal stenosis in children following neonatal circumcision
  5.  Besnijden meestal niet beste therapie
  6.  Even in Israel, more and more parents choose not to circumcise their sons
  7.  Beyond the Bris: Questioning Jewish Circumcision 
  8.  Brit Shalom: An Alternative Naming Ceremony 

Siehe auch: