FAQ KNMG Standpunkt zur nicht-therapeutischen Jungenbeschneidung

Die KNMG hat am 27. Mai 2010 die Standpunkterklärung „Nicht-therapeutische Beschneidung von minderjährigen Jungen“ veröffentlicht. In der Folge hat die KNMG eine große Anzahl von Reaktionen erhalten. Leider können nicht alle einzeln beantwortet werden. Im Folgenden wird die KNMG auf die am häufigsten gestellten Fragen zur Jungenbeschneidung eingehen *

Wieso bringt die KNMG diese Standpunkterklärung heraus?

Die KNMG hat sich einer Entwicklung angeschlossen, in der den Rechten von Kindern zunehmende gesellschaftliche Bedeutung beigemessen wird. So kämpft die KNMG seit Jahren gegen Kindesmissbrauch und weibliche Genitalverstümmelung. Darüber hinaus wird denmanchmal schwerwiegenden Komplikationen der Beschneidung von Jungen immer mehr Aufmerksam zuteil. Das ist eine medizinisch unnötige Operation an einem minderjährigen Kind. Diese Komplikationen können nicht gerechtfertigt werden. Die KNMG hat eine strikte Position über weibliche Genitalverstümmelung, aber keine Position über die Beschneidung von Jungen. Obwohl es Unterschiede zwischen den beiden Interventionen gibt, gibt es auch wichtige Gemeinsamkeiten.

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Was ist der Zweck der Standtpunkterklärung?

Das Ziel dieser Standpunkterklärung ist es vor allen Dingen, eine Diskussion über dieses Thema in der Gesellschaft und innerhalb der betroffenen religiösen Gruppen in Gang zu bringen. Das zweite Ziel ist es, Ärzte dazu aufzurufen, Eltern und Betreuer aktiv von diesem Eingriff abzuhalten.

Darüber hinaus will die KNMG erreichen, dass Eltern und Betreuer sich darüber bewusst sind, dass die Beschneidung von Jungen mit einem echten Risiko für Komplikationen verbunden ist, und keine hygienischen oder medizinischen Vorteile hat. Das letztendliche Ziel ist es, die Beschneidung von Jungen zu minimieren.

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Was sind die Kernpunkte der Standpunkterklärung?

Die KNMG-Standpunkterklärung kann wie folgt zusammengefasst werden:

  • Die Beschneidung von Jungen ist ein medizinisch sinnloser Eingriff an einem minderjährigen Patienten
  • Die Beschneidung von Jungen verletzt die körperliche Unversehrtheit , das Recht auf Religionsfreiheit und das Recht auf Selbstbestimmung des Kindes.
  • Die Beschneidung von Jungen verstößt gegen die Regel, dass Minderjährige nur medizinischen Behandlungen unterzogen werden dürfen, wenn Krankheiten oder Fehlbildungen vorliegen, oder wenn überzeugend nachgewiesen wurde, dass der Eingriff im Interesse des Kindes ist, wie dies bei Impfungen der Fall ist.
  • Die Beschneidung von Jungen kann einige schwerwiegende Komplikationen zur Folge haben.
  • Die KNMG will, dass Ärzte die Jungenbeschneidung entmutigen, indem sie Eltern aktiv und mit Nachdruck über die Risiken des Eingriffs und das Fehlen von medizinischen Vorteilen informieren.
  • Die KNMG sieht gute Gründe für ein gesetzliches Verbot, befürchtet aber, dass die Operation dadurch in den Untergrund getrieben werden könnte.
  • Die KNMG fordert einen Dialog mit den betroffenen religiösen Gruppen.

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Wie oft wird die Beschneidung von Jungen durchgeführt?

Weltweit schätzungsweise 13 Millionen Mal pro Jahr, und in den Niederlanden etwa 10.000 bis 15.000-mal pro Jahr. Dies entspricht etwa 40 bis 50 Beschneidungen pro Tag, die vor allem aus kulturellen und religiösen Gründen erfolgen. In vielen Ländern, wie etwa Kanada, Großbritannien und Australien, geht die Zahl der Eingriffe stark zurück, teils durch den Einfluss von Ärzten und Betroffenenorganisationen wie NORM.

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Ist die Beschneidung von Jungen nicht ein harmloser Eingriff?

Wie jeder chirurgische Eingriff, ist die Beschneidung mit einem Risiko für Komplikationen verbunden. Die häufigsten Komplikationen sind Blutungen, Infektionen, Harnröhrenöffnungsverengungen, Harnröhrenfisteln, Vernarbungen und Verwachsungen. Auch Amputationen und Todesfälle sind dokumentiert.

Es ist viel darüber diskutiert worden, wie oft diese Komplikationen auftreten. Einige behaupten, dass nur in 0,2 Prozent der Fälle Komplikationen auftreten, während der Utrechter Kinderurologe Tom de Jong sagt, dass etwa 20 Prozent der Jungen im Laufe ihres Lebens Komplikationen infolge ihrer Beschneidung bekommen.

Vieles hängt davon ab, was genau unter Komplikationen verstanden wird und ob auch psychische Probleme zu den Komplikationen gerechnet werden. In den Niederlanden findet keine Registrierung der Komplikationen infolge Beschneidungen statt, so dass nur ausländische Zahlen verfügbar sind.

Sicher ist, dass Hausärzte und (Kinder-) Urologen mit großer Regelmäßigkeit medizinische Komplikationen der Beschneidung sehen, manchmal sehr schwerwiegende und dauerhafte. Weil es sich um eine medizinisch unnötige Operationen an einem minderjährigen Patienten handelt, ist keine Komplikation zu rechtfertigen.

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Haben Männer es bedauert, in der Kindheit beschnitten worden zu sein?

Es gibt große Gruppen von Männern, die tatsächlich ihre Beschneidung bedauern, auch in  jüdischen und islamischen Kreisen. Darüber hinaus geht es hier um nicht-therapeutische Beschneidungen von minderjährigen Kindern, die nicht selbst über die Operation befragt werden oder ihre Zustimmung dafür geben können. Eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit bei minderjährigen Patienten, wie etwa durch einen chirurgischen Eingriff, kann allein durch ein medizinisches Interesse gerechtfertigt werden. Dies liegt hier nicht vor.

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Die Beschneidung von Jungen hat doch viele gesundheitliche Vorteile

In der modernen Literatur werden einige mögliche Vorteile der Beschneidung von Jungen beschrieben wie etwa ein reduziertes Risiko für HIV-, HPV- und Harnwegsinfektionen. Diese Vorteile sind jedoch wissenschaftlich sehr umstritten. Darüber hinaus scheinen, beispielsweise bei HIV-Infektion, verhaltensbezogene Faktoren (ungeschützter Sex, unsicherer Drogenkonsum) viel wichtiger zu sein, als die Präsenz einer Vorhaut.

Die Weltgesundheitsorganisation behauptet, dass die Beschneidung in einigen Ländern eine kostengünstige Methode zur Eindämmung der HIV-Epidemie wäre. Diese Position der WHO ist umstritten, vor allem weil die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema nicht eindeutig ist. Die Studien deuten auf ein vermindertes Risiko für HIV-Übertragungen im Bereich Subsahara-Afrika, wo die HIV-Infektionen vor allem durch heterosexuelle Kontakte verursacht werden und der Kondomgebrauch gering verbreitet ist.

Nach Angaben des CDC, dem Center for Disease Control, in den USA hilft die Beschneidung nicht gegen HIV-Übertragungen unter homosexuellen Männern. Nachweise, dass die Beschneidungen dazu beitragen, die Zahl der HIV-Infektionen in den Niederlanden zu reduzieren, wo die Übertragung des HI-Virus hauptsächlich durch ungeschützten Drogenkonsum und homosexuelle Kontakte erfolgt, gibt es daher keine.

Andere mögliche Vorteile der Beschneidung (verringertes Risiko von HPV- und Harnwegsinfektionen) können durch andere, weniger invasive Methoden erreicht werden (HPV-Impfung, der Gebrauch von Kondomen, Antibiotika).

Die Beschneidung von Jungen hat gemäß der Standpunkterklärung der KNMG keine dermaßen großen medizinischen Vorteile, um die Operation rechtfertigen zu können. Weltweit gibt es absolut keine Medizinerorganisation, die die routinemäßige Beschneidung von  Jungen aus medizinischen Gründen anrät.

Die Regel ist, dass präventive medizinische Eingriffe bei Kindern – beispielsweise Impfungen – nur nach einer sorgfältige Abwägung der Notwendigkeit, Sicherheit, (Kosten-)Effektivität, der Komplikationen, des Vorhandenseins von Alternativen und der Notwendigkeit zur Durchführung des Eingriffs im Baby- oder Kindesalter erfolgen sollten. Für die Beschneidung von Jungen wurde nie eine derartige Abwägung durchgeführt.

Und selbst wenn medizinische Vorteile mit der Jungenbeschneidungen verbunden wären, gäbe es immer noch keinen Grund die Beschneidung im Baby- oder Kindesalter auszuführen. Die HPV-Impfung bei Mädchen erfolgt auch erst in der Pubertät.

KNMG vertritt die Position, dass die nicht-therapeutische Beschneidung von Jungen aufgeschoben werden sollte, bis zum Alter, in dem der Junge selbst über den Eingriff oder für mögliche Alternativen optieren kann.

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Ein beschnittener Penis ist doch viel hygienischer

Möglicherweise war dies in früheren Zeiten der Fall, aber mit der ständigen Verfügbarkeit von warmem und kaltem Wasser ist eine gute Hygiene für die meisten Männer heutzutage leicht zu erreichen, auch mit Vorhaut.

Darüber hinaus ist die KNMG der Ansicht, dass Männer in der Lage sein müssen selbst zu entscheiden, wie sie ihre körperliche Hygiene gestalten wollen. Es gibt keine Gründe, warum die Beschneidung aus hygienischen Gründen bereits im Säuglings- oder Kindesalter durchgeführt werden soll.

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Die Beschneidung von Jungen ist doch ganz anders als die Beschneidung von Mädchen?

Viele Leute denken bei der Mädchenbeschneidung oder der weiblichen Genitalverstümmlung an die schwerste Form, die Infibulation, bei der die Klitoris und die Schamlippen vollständig entfernt werden. Dies hat sehr ernste medizinische, psychologische und sexuellen Folgen und ist offensichtlich viel drastischer als die Beschneidung von Jungen.

Es gibt jedoch auch Formen der Mädchenbeschneidung, die viel weniger drastisch sind. Bei den milderen Formen der Mädchenbeschneidung, wie beispielsweise bei der Sunna-Beschneidung, wird allein die Klitorisvorhaut entfernt. Diese Form ist wesentlich weniger gravierend als die Jungenbeschneidung, bei der ein Teil des erogenen Gewebes des Penis entfernt wird.

Es gibt auch eine symbolische Form der Mädcheneschneidung (Inzision), bei der überhaupt kein Gewebe entfernt wird. Die KNMG und die Weltgesundheitsorganisation verurteilen jedoch alle Formen der Mädchenbeschneidung, auch die milden oder die symbolischen Formen, weil sie eine Verletzung der Rechte der Frau darstellen.

Jungen- und Mädchenbeschneidung haben gemeinsam, dass beide Eingriffe irreversible, medizinisch unnötige Operationen an einem minderjährigen Kind sind. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Eingriffen ist, dass die Jungenbeschneidung viel häufiger ist, in der Regel aus anderen Motiven erfolgt und gesellschaftlich viel mehr akzeptiert ist als die Mädchenbeschneidung. Für die KNMG gibt es daher genügend Gründe, um beide Praktiken abzulehnen.

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Ist die KNMG auch gegen Brustvergrößerungen, Faceliftings, und andere unnötige Eingriffe?

Die KNMG ist ein Gegner medizinisch unnötiger Eingriffe an Minderjährigen, weil Kinder nicht selbst ihre Zustimmung geben können. Brustvergrößerungen und andere kosmetische Eingriffe erfolgen nur auf Wunsch des Patienten und nur bei Erwachsenen.

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Siehe auch:

⇐ Zurück zum Dossier: Beschneidung von Jungen

* Aufgrund seiner Zugänglichkeit, spricht dieser Text von Jungenbeschneidung. Dies beinhaltet die Beschneidung von Minderjährigen aus kulturellen oder religiösen Gründen. Es gibt auch medizinisch-therapeutische Gründe für die Beschneidung, aber diese sind nicht umstritten und befinden sich außerhalb des Geltungsbereichs dieses Textes.

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