Die Zeitachse der medizinischen Beschneidung

 „Die Beschneidung ist eine Lösung auf der Suche nach einem Problem.“

 –Edward Wallerstein

 

Diese Zeitachse bietet eine Übersicht, wie sich die Rechtfertigungen von Ärzten für die Beschneidung von Kindern und Babys im Laufe der Zeit dramatisch verändert haben.

1832

Claude-François Lallemand beschneidet einen Patienten um ihn von seinen nächtlichen Ergüssen zu heilen [Des Pertes Seminales Involontaires. Jeune 1836 (1):463-7; 1839 (2):70-162; 1842 (3):266-7, 280-9] 

~1840-1890: „Masturbation und ,Phimose’“

1845

Edward H. Dixon behauptet, dass die Beschneidung der Masturbation vorbeuge. [A Treatise on Diseases of the Sexual Organs. New York: Stringer & Co 1845 pp 158-65]

1855

Johnathon Hutchinson veröffentlicht seine Theorie, dass die Beschneidung der Syphilis vorbeuge. [On the Influence of Circumcision in Preventing Syphilis. Medical Times and Gazette 1855;32(844):542-543] 

1865

Nathaniel Heckford behauptet, dass die Beschneidung Epilepsie verbeugen könne. [Circumcision as a remedial measure in certain cases of epilepsy and chorea. Clinical Lectures and Reports by the Medical and Surgical Staff of the London Hospital 1865;2:58-64] 

1870

Lewis A. Sayre "beweist" in seiner Abhandlung, dass die Beschneidung Epilepsie heilen könne. [Circumcision versus epilepsy, etc; Transcription of the New York Pathological Society meeting of June 8, 1870. Medical Record 1870 Jul 15;5(10):231-4] 

1870

Lewis A. Sayre behauptet, dass die Beschneidung vor Rückgratslähmung schützen würde. [Partial paralysis from reflex irritation, caused by congenital phimosis and adherent prepuce. Transactions of the American Medical Association 1870;21:205-11] 

1871

M. J. Moses behauptet, dass Juden aufgrund ihrer Beschneidung gegenüber der Masturbation immun wären. [The value of circumcision as a hygienic and therapeutic measure. New York Medical Journal 1871 Nov;14(4):368-74]

1873

Joseph Bell verkündet seine „Entdeckung“, dass die Beschneidung Bettnässen heile. [Nocturnal incontinence of urine cured by circumcision. Edinburgh Medical Journal 1873 May;1(9):1034] 

1875

* Lewis A. Sayre lehrt, dass eine intakte Vorhaut Rückratsverkrümmung, Blasenlähmung und Klumpfuß verursache. [Spinal anaemia with partial paralysis and want of coordination, from irritation of the genital organs. Transactions of the American Medical Association 1875;26:255-74]

1879

H .H. Kane ‘entdeckt’, dass die Beschneidung nächtliche Samenergüsse und Nervenschmerzen im Unterbauch heilen könne. [Seminal emissions, abdominal neuralgia: circumcision: cure. Southern Clinic 1879 Oct;2(1):8-11]

1881

* Maximillian Landesburg verkündet, dass die Beschneidung Augenprobleme heilen könnte, die er auf die Masturbation zurückführte. [On affections of the eye caused by masturbation. Medical Bulletin 1881 Apr;3(4):79-81]

1886

William G. Eggleston erklärt, dass die Vorhaut Strabismus (Schielen) verursache. [Two cases of reflex paraplegia (one with aphasia) from tape-worm and phimosis. Journal of the American Medical Association 1886 May 8;6(19):511-5] 

1888

John Harvey Kellogg propagiert die Beschneidung kleiner Jungen als Strafe für die Masturbation. [Treatment for Self-abuse and Its Effects, Plain Facts for Old and Young, Burlington, Iowa, F. Segner & Co. (1888) p. 107]

1890

* William D. Gentry erklärt, dass die Beschneidung Blindheit, Taubheit und Stummheit heile. [Nervous derangements produced by sexual irregularities in boys. Medical Current 1890 Jul;6(7):268-74]

1890-1920: „Syphilis und Masturbation“

1891

Johnathan Hutchinson – einer der renommiertesten Ärzte seiner Zeit, erklärt, dass die Vorhaut Jungen dazu verleite zu masturbieren. Er befürwortet deshalb die Beschneidung kleiner Jungen als eine Präventionsmaßnahme gegen die Masturbation  [On circumcision as preventive of masturbation. Archives of Surgery 1891 Jan;2(7):267-9]

1893

Mark J. Lehman fordert die sofortige Umsetzung der Massenbeschneidung aller amerikanischer Jungen. [A plea for circumcision. Medical Review 1893 Jul 22;28(4):64-5]

1894

P.C. Remondino fordert die Zwangsbeschneidung von Schwarzen um sie davon abzuhalten weiße Frauen zu vergewaltigen. [Negro rapes and their social problems. National Popular Review 1894 Jan;4(1):3-6]

1894

H.L. Rosenberry veröffentlicht eine Studie, in der er beweisen will, dass die Beschneidung Harn-und Stuhlinkontinenz heilen würde. [Incontinence of the urine and faeces, cured by circumcision. Medical Record 1894 Aug 11;4(6):173]

1898

T. Scott McFarland erklärt, dass er „so viele Mädchen wie Jungen“ beschnitten habe und „immer sehr glücklich mit den Resultaten war“. [Circumcision of girls. Journal of Orificial Surgery, 1898 Jul;7:31-33] 

1900

Johnathan Hutchinson rät zur Beschneidung um das Vergnügen beim Sex zu reduzieren und so sexueller Unzucht entgegenzuwirken. [The advantages of circumcision. The Polyclinic 1900 Sep;3(9):129-31]

1901

Ernest G. Mark merkt an, dass die “Lustempfindungen, die durch die äußerst empfindliche „Innenseite der Vorhaut ausgelöst werden, das Kind zur Masturbation ermutigen“, weshalb er zur Beschneidung rät, da diese „die Empfindlichkeit des Organs reduziert.“ [Circumcision. American Practitioner and News 1901 Feb 15;31(4):122-6]

1902

Roswell Park veröffentlicht einen Artikel, in welchem er „beweist“, dass die Vorhaut Epilepsie verursache, und dass die Beschneidung diese Krankheit heilen würde. [The surgical treatment of epilepsy. American Medicine 1902 Nov 22;4(21):807-9]

1914

Abraham L. Wolbarst behauptet, dass die Beschneidung Tuberkulose vorbeuge, und fordert die Zwangsbeschneidung aller Kinder in Amerika. Universal circumcision as a sanitary measure. Journal of the American Medical Association 1914 Jan 10;62(2):92-7]

1915

Benjamin E. Dawson erklärt, dass die weibliche Beschneidung -da die Klitorisvorhaut die Ursache vieler Neurosen sei- dringend geboten sei, [Circumcision in the Female: Its Necessity and How to Perform It. American Journal of Clinical Medicine, 1915 Jun;22(6):520-523]

1918

Belle Eskridge gelangt zu dem Schluss, dass durch die Beschneidung eine der Hauptursachen der Masturbation bei Mädchen beseitigt würde. [Why not circumcise the girl as well as the boy?, Texas State Journal of Medicine, 1918 May;14:17-19]

1920-1940: „Peniskrebs“

1926

Abraham L. Wolbarst behauptet, die Beschneidung könne dem Peniskrebs  vorbeugen. [Is circumcision a prophylactic against penis cancer? Cancer 1926 Jul;3(4):301-10]

1930

Norton Henry Bare gibt vor, einen Jungen durch Beschneidung von der Epilepsie geheilt zu haben. [Surgical treatment of epilepsy with report of case. The China Medical Journal 1930 Nov;4(11):1109-13]

1934

Aaron Goldstein und Hiram S. Yellen erfinden und vertreiben die Gomco-Klemme, die es Ärzten ermöglichte, sogar noch mehr Haut zu entfernen als dies bei traditionellen Beschneidungen möglich war. Diese Klemme, die bei Neugeborenenbeschneidungen in den USA immer noch am häufigsten zum Einsatz kommt, bestimmte seither das Aussehen der Penisse mehrerer Generationen von amerikanischen Männern. [Bloodless circumcision of the newborn. American Journal of Obstetrics and Gynecology, July 1935;30(1):146-7]

1935

R.W. Cockshut fordert, dass alle Jungen beschnitten werden müssten, um ihren Penis zu desensibilisieren und Keuschheit zu fördern. [Circumcision. British Medical Journal 1935 Oct 19;2(3902):764]

1940-1950: „Geschlechtskrankheiten“

1941

Allan F. Guttmacher propagiert die massenweise Beschneidung von Kindern als Mittel zur Verringerung des sexuellen Empfindens. Er verbreitet auch die falsche Behauptung, dass die Vorhaut eines Babys jeden Tag gewaltsam zurückgezogen und geschrubbt werden müsse, -eine schmerzhafte und äußerst schädliche Praktik, die zu Entzündungen, Infektionen, und Narbenbildung führt. [Should the baby be circumcised? Parents Magazine 1941 Sept;16(9):26,76-8]

1942

Abraham Ravich behauptet, dass die Beschneidung vor Prostatakrebs schütze. [The relationship of circumcision to cancer of the prostate. Journal of Urology 1942 Sep;48(3):298-9]

1949

* Eugene H. Hand erklärt, dass die Beschneidung irgendwie gegen Geschlechtskrankheiten und Zungenkrebs schütze. [Circumcision and venereal disease. Archives of Dermatology and Syphilology 1949 Sep;60(3):341-6]

1949

* Douglas Gairdner führt den Nachweis, dass die beschneidungsbedingten Todesfälle in den beobachteten Jahren vor 1949 unnötig waren, angesichts der fehlenden medizinischen Rechtfertigung zur Beschneidung. Diese Studie bewirkte einen rasanten Fall der Beschneidungsraten in Großbritannien und, mit gewisser Verzögerung, in Neuseeland und Australien. Douglas Gairdners Beschreibungen der Vorhautentwicklung aber, die jahrzehntelang die Grundlage der deutschen medizinischen Literatur und Praxis bezüglich der Vorhaut und deren Entwicklung bildeten, gelten nach heutigem Forschungsstand allerdings als falsch (siehe z.B. ØSTER), aber zumindest als Schritt in die richtige Richtung [The fate of the foreskin. British Medical Journal 1949 2:1433-7]

1950-1970: „Gebärmutterhalskrebs (Peniskrebs)“

1951

Abraham Ravich erfindet den Mythos, die Beschneidung verringere das Risiko von Frauen an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. [Prophylaxis of cancer of the prostate, penis, and cervix by circumcision. New York State Journal of Medicine 1951 Jun;51(12):1519-20]

1953

R. L. Miller und D. C. Snyder veröffentlichten ihre Pläne alle männlichen Babys unmittelbar nach der Geburt, während sie sich noch im Kreissaal befinden, beschneiden zu lassen, um der Masturbation vorzubeugen und um für „Immunität gegenüber allen körperlichen und geistigen Erkrankungen“ zu sorgen. [Immediate circumcision of the newborn male. American Journal of Obstetrics and Gynecology 1953, Jan;6(1):1-11]

1954

Ernest L. Wydner behauptet, dass das Risiko von Frauen an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken durch die Beschneidung des Partners reduziert würde. [A study of environmental factors of carcinoma of the cervix. American Journal of Obstetrics and Gynecology 1954 Oct;68(4):1016-52]

1956

Raymond Creelman erfindet den Circumstraint – eine Vorrichtung, die das Baby während der Beschneidung fesselt, indem seine Arme und Beine in dieser Art Fesselschale festgeschnallt werden. [USPTO patent number RE24,377]

1958

C. F. McDonald erklärt: „Die gleichen Gründe, die für die Beschneidung von Jungen gelten, sind generell auch gültig, wenn sie für Mädchen angedacht werden.“ [Circumcision of the female. General Practitioner 1958 Sep;18(3):98-99]

1959

W. G. Rathmann stellt fest, dass einer der Vorteile der weiblichen Beschneidung wäre, dass sie dem Ehemann dabei helfe die Klitoris zu finden.[Female Circumcision: Indications and a New Technique. General Practitioner 1959 Sep;20(9):115-120]

1966

Masters und Johnson dozierten, es gäbe keinen Unterschied hinsichtlich der Empfindlichkeit zwischen beschnittenen und unbeschnittenen Penissen. (Anmerkung: Das Werk dieser damals sehr angesehenen Sexologen trug dazu bei, die medizinische Lehrmeinung voranzutreiben, die Beschneidung hätte keinerlei Einfluss auf das sexuelle Empfinden. Diese oft auch in der deutschsprachigen Laien- und Fachliteratur rezitierte Lehrmeinung blieb fast vier Jahrzehnte lang unangefochten.) [Human Sexual Response, Boston, Ma: Little Brown & Co, 1966]

1969

Morris Fishbein fordert die Beschneidung zur Prävention von Nervosität und natürlich auch Masturbation. [Sex hygiene. Modern Home Medical Adviser. Garden City, New York: Doubleday & Co: 1969 pp 90, 119] 

1971

Abraham Ravich behauptet, dass die Beschneidung Blasenkrebs und Rektumskrebs vorbeugen würde. [Viral carcinogenesis in venereally susceptible organs. Cancer 1971 Jun;27(6)1493-6]

1971

* Das Fötus- und Neugeborenenkomitee der American Academy of Pediatrics veröffentlicht eine Warnung an die Nation: 

Es gibt keine stichhaltigen medizinischen Indikationen für die Beschneidung in der Neugeborenphase.“ [Committee on Fetus and Newborn Issues. Circumcision. Hospital Care of Newborn Infants 5th Edition. Evanston, Ill: American Academy of Pediatrics; 1971 p 110]

1973

R. Dagher, Melvin Selzer, und Jack Lapides tönen, dass jeder, der es wagt ihre Agenda zur Einführung der universellen Massenbeschneidung zu kritisieren, „verblendet“ sei.[Carcinoma of the penis and the anti-circumcision crusade. Journal of Urology 1973 Jul;110(1):79-80]

1975

* Die Arbeitsgruppe zur Beschneidung des Amerikanischen Kinderärzteverbands, dieAmerican Academy of Pediatrics erklärt:

„Es gibt keine medizinische Indikation zur routinemäßigen Zirkumzision und der Eingriff darf nicht als ein notwendiger Bestandteil der Gesundheitsfürsorge betrachtet werden.“ [Report on the ad hoc task force on circumcision. Pediatrics 1975;56:610-1]

1976

Benjamin Spock, nachdem er die Beschneidung 30 Jahre lang in seinem Elternratgeberbuch „Baby and Child Care“ empfohlen hat, überarbeitet seinen Elternratgeber-Beststeller: 

„Ich rate entschieden dazu, die Vorhaut in Ruhe zu lassen. Eltern sollten auf überzeugende Gründe zur Beschneidung bestehen -allerdings es gibt keine überzeugenden Gründe, die mir bekannt sind.“ [Baby and Child Care, New York, E P Dutten, 1946-76]

1985-2000: Harntraktinfektionen

1985

Thomas E. Wiswell behauptet, eine Beschneidung verringere das Risiko für Harntraktinfektionen. [Decreased incidence of urinary tract infections in circumcised male infants.  Pediatrics 1985 May;75(5):901-3]

1986

Aaron J. Fink behauptet, dass die Beschneidung gegen AIDS schütze. [A possible explanation for heterosexual male infection with AIDS. New England Journal of Medicine 1986 Oct 30;31(18):1167]

1989

* Unter dem Vorsitz des entschiedenen Beschneidungsbefürworters Edgar J. Schoen, erklärt die Arbeitsgruppe zur Beschneidung der American Academy of Pediatrics Task Force, dass die Beschneidung „potentielle Vorteile“ habe. [Report of the Task Force on Circumcision. Pediatrics 1989 Aug;84(2):388-91]

1991

Edgar J. Schoen scheitert beim Versuch europäische Länder von der Einführung der massenweisen Beschneidung zu überzeugen. [Is it time for Europe to reconsider newborn circumcision? Acta Paediatrica Scandinavia 1991 May;8(5)573-7]

1991

Aaron J. Fink erklärt, dass die massenweise Beschneidung notwendig sei um zu verhindern, dass Sand unter die Vorhäute von Soldaten gelange. [Circumcision and sand. Journal of the Royal Society of Medicine 1991 Nov;84(11):696]

1996

J.R. Taylor weist nach, dass die durchschnittliche Menge amputierter Vorhaut ungefähr die Hälfte der gesamten Penishaut darstellt. [The prepuce: Specialized mucosa of the penis and its loss to circumcision. British Journal of Urology 1996 Feb;77:291-5 ; ⇒ Deusche Übersetzung]

1997

* Edgar J. Schoen scheitert bei seinem erneuten Versuch europäische Länder davon zu überzeugen, die massenweise Beschneidung von Kindern einzuführen. [Benefits of newborn circumcision: Is Europe ignoring the medical evidence? Archives of Diseases of Childhood 1997 Sep;7(3):258-60]

1997

Janice Lander  bestätigt, dass Beschneidungen ohne Betäubung traumatisch für Babys sind. (Anmerkung: Bis zu diesem Zeitpunkt wurden beinahe alle Säuglingsbeschneidung ohne Betäubung durchgeführt, da die unvorstellbar zynische wie irrige Ansicht unter beschneidenden Ärztinnen und Ärzten verbreitet war, Babys könnten ohnehin keine Schmerzen fühlen, und falls doch, würde es nichts ausmachen, weil sie sich ja nicht daran erinnern könnten.) [Comparison of ring block, dorsal penile nerve block, and topical anesthesia for neonatal circumcision. Journal of the American Medical Association 1997 Dec;274(24):2157-2162] 

1999

J. R. Taylor gelangt nach der anatomisch-wissenschaftlichen Untersuchung der spezialisierten Innervierung der Vorhaut (das spezialisierte Nervennetz der Vorhaut) zu dem Schluss, dass die Vorhaut „primär erogenes Gewebe ist, das für eine normale sexuelle Funktion notwendig ist.“ [The prepuce. British Journal of Urology 1999 Jan;83(1):34-44 ; ⇒ Deutsche Übersetzung]

* Die Projektgruppe zur Beschneidung der American Academy of Pediatrics gelangt nach der Auswertung medizinischer Studien von über 4 Jahrzehnten zu der Erkenntnis, dass die

„potentiellen medizinischen Vorteile der männlichen Neugeborenbeschneidung nicht genügen, um die routinemäßige Neugeborenbeschneidung empfehlen zu können.“

Dieser Bericht ist übrigens auch der erste, in dem die AAP anerkannte, dass die Beschneidung ohne Betäubung traumatisch ist (nachdem Ärzte jahrzehntelang der Ansicht gefrönt hatten, Babys könnten keinen Schmerz fühlen) und weiters forderte, allfällig nötige Beschneidungen nur unter Betäubung auszuführen. Hier sind einige Höhepunkte aus dieser Erklärung:

Rolle der Hygiene:

„Es gibt kaum Belege dafür, dass ein Zusammenhang zwischen Beschneidungsstatus und optimaler Penishygiene besteht“

Geschlechtskrankheiten einschließlich HIV:

„Verhaltensbezogene Faktoren scheinen weit wichtiger als der Beschneidungsstatus zu sein“

Harntraktinfektionen:

„Das natürliche Stillen hatte bei einer Testgruppe von unbeschnittenen Säuglingen eine dreifache Schutzwirkung auf die Inzidenz von Harntraktinfektionen. [=Gestillte unbeschnittene Säuglinge hatten eine dreifach geringere HTI-Rate als unbeschnittene Säuglinge, die nicht gestillt wurden.] Bislang war der Status des Stillens in den Studien über HTI und Beschneidungsstatus nicht systematisch überprüft worden.“

Selbst wenn Beschneidung eine hilfreiche Maßnahme gegen HTI wäre, müssten, um einen einzigen Jungen im ersten Lebensjahr vor einer Harntraktinfektion zu bewahren, 195 gesunde Babys, die nie eine Harntraktinfektion bekommen würden, grundlos einem Operationsrisiko an besonders heikler Stelle ausgesetzt werden. Auch weibliche Säuglinge erkranken häufig an Harntraktinfektion (vielfach häufiger als männliche Säuglinge!) und bei ihnen ist Standardbehandlung eine Antibiotika-Therapie, die genauso gut bei kleinen Jungen mit Harntraktinfektion funktioniert. 

Die AAP schloss diesen Abschnitt ihrer Erklärung mit der Bemerkung ab: „das absolute Risiko für einen unbeschnittenen Jungen an einer Harntraktinfektionen zu erkranken ist gering (höchstens ~1%) “.

2002

W.K. Nahm erweiterte die Haltbarkeit von spezialisierten Zellkulturen, die aus „frisch geerntetem Vorhautgewebe von Neugeborenen gewonnen werden.“ (Anmerkung: Seit den 1980ern wurden von nordamerikanischen Krankenhäusern gezielt amputierte Babyvorhäute ohne Wissen der Eltern an Biomedizinunternehmen verkauft, die diese seither zu Forschungszwecken benutzen und sogar als Rohmaterial in kommerziellen Kosmetikprodukten, wie in Antifaltenkremes verwenden.) [Sustained ability for fibroblast outgrowth from stored neonatal foreskin. Journal of Dermatology Science. 2002 Feb;28(2):152-8]

2003

Edgar J. Schoen fordert die American Academy of Pediatrics dazu auf ihre Grundsatzerklärung zur Beschneidung zu ändern, wobei er behauptet, die Beschneidung schütze vor AIDS . [It's wise to circumcise: time to change policy. Pediatrics. 2003 Jun;111(6 Pt 1):1490 -1] 

2000-20??: „HIV/AIDS“

2005

R.Y. Stallings findet heraus, dass HIV-Raten bei beschnittenen Frauen signifikant niedriger sind. (Interessant: Es gab keinen Ruf der WHO nach Massenbeschneidungen von Frauen und Mädchen zur Prävention von AIDS.) [Female circumcision and HIV infection in Tanzania: for better or for worse? Third International AIDS Society Conference on HIV Pathogenesis and Treatment. Rio de Janeiro, 25-27 July 2005] 

2007

R.C. Bailey bricht seine Studie in Kenya rechtzeitig ab, bevor bei den im Zuge der Studie beschnittenen jungen Kenyanern AIDS nachgewiesen wurde, und preist die Beschneidung in seiner „Schlussfolgerung“ als eine Art „Schutzimpfung gegen HIV-Infektionen“. (Anmerkung: diese und ähnliche Studien fanden ein breites Medienecho in der deutschen Medien.) [Male circumcision for HIV prevention for young men in Kisumu, Kenya. Lancet 2007;369 (9562):643-56]

2007

L. de Witte stellt fest, dass Langerhans-Zellen, die in der Vorhaut anzutreffen sind, eine natürliche Barriere gegen HIV Infektionen darstellen. (Anmerkung: Diese und ähnliche Studien wurden von den Medien dagegen weithin ignoriert.) [de Witte L. Langerin is a natural barrier to HIV-1 transmission by Langerhans cells. Nature Medicine 2007;(13):367-371] 

2007

M. Sorrells untersucht die Empfindlichkeit des Penis und stellt fest, dass die Vorhaut der empfindlichste Teil des Penis und weit empfindlicher als die Eichel ist. [Fine touch pressure thresholds in the adult penis. British Journal of Urology International. 2007;99:864-9 ; ⇒ Deutsche Übersetzung des Studienberichts]

2010

Der Königlich Niederländische Ärztebund erklärt in seiner Grundsatzerklärung zur Beschneidung von Jungen:

„Es gibt keine überzeugenden Beweise dafür, dass die Beschneidung nützlich oder notwendig sei hinsichtlich der Krankheitsprävention oder der Hygiene…Die Beschneidung bringt das Risiko medizinischer und psychologischer Komplikationen mit sich…Die nicht-therapeutische Beschneidung männlicher Minderjähriger ist mit dem Recht des Kindes auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit unvereinbar.“ [ Non-therapeutic circumcision of male minors. Utrecht, Royal Dutch Medical Association (KNMG), 2010. ⇒Deutsche Übersetzung der Grundsatzerklärung]

2012

Der Schwedische Kinderärzteverband fordert ein gesetzliches Verbot der nicht-therapeutischen Beschneidung von Jungen. 

„Nach jahrelanger Beratung gelangte der Schwedische Kinderärzteverband (Svenska Barnläkarföreningen, BLF) zu dem Schluss, dass die nicht-therapeutische Beschneidung von Jungen eine Körperverletzung darstellt und daher verboten werden muss. Laut der BLF ist die Beschneidung mit der UN-Kinderrechtskonvention, sowie dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und auf Selbstbestimmung unvereinbar. Jungen könnten sich selbst nicht dagegen wehren, der Beschluss wird von den Eltern auf religiöser oder kultureller Basis oder aus Gewohnheitsrecht getroffen, und ist medizinisch nicht begründet.“ [Kinderärzte fordern: Beschneidung verbieten. Radio Schweden, 20 February 2012. | Johan Nilsson. Barnläkare vill stoppa omskärelserGöteborgs-Posten, 19 February 2012.]

„Historisch gesehen wurde der Beschneidung stets die Heilung genau jener Krankheiten zugeschrieben, welche zur jeweiligen Zeit die Gemüter der Bevölkerung erregten.“

–Steve Scott

 

Mit Quellen versehene (auch für Laien verständliche) Erläuterungen zu den neuesten Behauptungen in der medizinischen Literatur, die Beschneidung wäre ein wirksames Mittel zur Vorbeugung von Harntraktinfektionen, Geschlechtskrankheiten, AIDS oder Peniskrebs, finden Sie hier.