Sexuelles Vergnügen

 von Philip Gordon

aus dem Englischen übersetzt und um Aussagen deutscher Autoritäten ergänzt.

Obwohl vielen Missverständnissen über die Vorhaut ein Ende bereitet wurde, seitdem Douglas 1949 sein Paper publizierte, der zeigte, dass infantile Phimose keine Anomalität war, hält sich hartnäckig die Behauptung, dass die Beschneidung keinen Effekt (weder einen positiven, noch einen negativen) auf die Sexualität habe.

Die Behauptung des "keinen Effekt" wurde erst im Februar 2002 in den Richtlinien der "The American Association of Family Physicians" und von bekannten Persönlichkeiten zitiert, wie Desmond Morris in "Babywatching", und Miriam Stoppard, in ihrer Sorgen-Tante Kolumne im "Daily Mirror" - am 18 April 2005, schrieb sie dort:

"Die Beschneidung hat keinen Effekt auf die sexuelle Fähigkeit oder das Leistungsvermögen."

Auch in Deutschland meint Eckhard Schroll von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln diese abenteuerliche Behauptung machen zu müssen: "Viele Jungen befürchten, dass ihre Eichel ohne die Vorhaut nicht mehr so gefühlsempfindlich ist - das hat sich aber nicht bewahrheitet." unterstellt Schroll.

Behaupten kann man vieles, nur beweisen sollte man auch es können.

Einen Beweis aber für seine grundlose Meinung Jungen begründete Ängste nehmen zu müssen bleibt der Pädagoge Schroll allerdings schuldig.

Seine Behauptung ist so leider auch nicht ganz korrekt, oder präziser formuliert: Seine Behauptung seht im krassen Gegensatz zur medizinischen Forschung:

Eine amerikanische Studie veröffentlicht in der April-2007 Ausgabe des British Journal of Urology International beweist, dass der intakte Penis ungefähr vier Mal empfindlicher ist, als der beschnittene Penis.

Die fünf empfindlichsten und damit sexuell bedeutsamsten Bereiche des gesamten Penis befinden sich auf der Vorhaut und werden alle durch Beschneidung (egal ob radikal oder "sparsam") entfernt.

Diese fünf Bereiche sind empfindlicher als der empfindlichste Bereich, der der beschnittene Penis noch besitzt, die Beschneidungsnarbe -also der Vorhautstumpf.

Das heißt: Ganz egal wie viel Sensibilität die Eichel verliert oder nicht, nach der Beschneidung hat der Junge den sexuell empfindlichsten und nervenreichsten Teil seines Penis, auf dem sich rund 3/4 der sensorischen Nervenenden des Penis befinden, ohnehin schon verloren: seine Vorhaut.

Auch führende deutschsprachige Ärzte verweisen auf die sexuellen Vorteile der Vorhaut bzw. die sexuellen Nachteile ihres Verlustes durch die Beschneidung: Prim. Univ.-Doz. Dr. Michael Rauchenwald, Donau-Spital, Wien:

    Die menschliche Vorhaut ist in ihrem Aufbau einzigartig. Sie weist fünf Gewebsschichten mit einer ausgesprochen hohen Dichte an Nervenzellen auf und hat eine spezielle Funktion im Fortpflanzungsprozess.

Hinchsichtlich der mechanischen Bedeutung der Vorhaut für die Sexualität merkt Prof. Rauchenwald ferner an:

    Die Vorhaut ermöglicht einen speziellen Gleitmechanismus im Rahmen des Geschlechtsverkehrs. Bei einer Zirkumzision werden 30–50% der Penishaut entfernt. Dadurch kommt es bei der Erektion zu einer Spannung der Penishaut und bei vaginaler Penetration zu einer erhöhten Reibung an der Scheidenwand. Dies kann, wie Untersuchungen zeigen, zu unangenehmen Sensationen bei beiden Sexualpartnern führen.
    Der Gleitmechanismus der Vorhaut, insbesondere die Konstruktion des Frenulums und dessen Verbindung mit der restlichen Präputialhaut sorgen für wichtige erogene Stimuli während des Koitus, vor allem aber im Rahmen des Vorspiels. Bei beschnittenen Männern kommt es zu einer verstärkten Keratinisierung der Glans und dadurch mitunter zu einer verminderten Sensibilität, welche wiederum Einfluss auf die geübten Sexualpraktiken haben kann.

Entscheidend für die Behauptungen der Intaktivísten über die sexuelle Funktion der Vorhaut  ist das Werk von Taylor Lockwood and Taylor, die dort belegen, dass die Vorhaut selbst dicht mit Nervenenden durchsetzt ist-unter anderen mit Meissner-Körperchen, die empfindlich gegenüber leichtesten Berührungen sind, weshalb die Sensitivität der Vorhaut vergleichbar ist mit der der Fingerkuppen oder der Lippen. Ein Streifzug durch die medizinische Literatur zeigt, dass die Behauptung, die Beschneidung hätte keinen Einfluss auf die Empfindlichkeit, eine recht neue Behauptung ist, die erst nach der Publikation des Artikels von Taylor Lookwood Taylor (1996) aufkam.   

Die Tatsache, dass die Beschneidung sehr wohl einen Unterschied macht, wurde in der medizischen Fachliteratur bereits im Jahr 1900 hervorgehoben. In: Our London Letter. Medical World 1900).Ausg..77:S.707-8 wird folgendes gesagt:

    Schließlich scheint die Zirkumzision die Macht der sexuellen Beherrschung zu erhöhen. Der einzige physiologische Vorteil, den die Vorhaut verleihen mag, ist, dass sie den Penis in einer empfänglicheren Verfassung für intensivere Empfindungen erhält, als es sonst der Fall wäre. Sie mag die Lust beim Geschlechtsverkehr und den Trieb danach steigern: Aber diese Vorteile können im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft gut entbehrt werden. Wenn also mit deren Verlust dagegen eine Zunahme der sexuellen Beherrschung einhergeht, sollten wir dafür dankbar sein."

Im gleichen Jahr wurde folgendes veröffentlicht in der Lancet, Ausg. 2 (29 Dez. 1900): S.1869-1871, E. Harding Freeland, Circumcision as a Preventative of Syphilis and Other Disorders (Zirkumzision als Prophylaxe von Syphilis und anderen Erkrankungen)

    "Es wurde als Argument gegen die universelle Übernahme der Zirkumzision [Beschneidung] vorgebracht, dass die Entfernung der schützenden Bedeckung der Eichel dazu führt, die Sensibilität dieser überaus empfindlichen Struktur abzustumpfen und damit das sexuelle Verlangen wie die lust-bringende Wirkung des Koitus verringert. Zugegeben, das ist wahr, aber meine Antwort ist, was auch immer die Absicht in längst vergangenen Tagen gewesen sein mag: Sinnlichkeit braucht in unserer Zeit weder Peitsche noch Sporen, dagegen sie wäre um einiges besser durch eine subtile Anwendung von Zügel und Overcheck (=Stangengebiss beim Pferdegeschirr)."

Um das Trio zu vervollständigen, die die Empfindlichkeit der Vorhaut bestätigen, bemerkte 1901, Ernest G. Mark in  Circumcision, American Practitioner and News, Ausg. 31 (1901): S. 231. folgendes:

    "Ein weiterer Vorteil der Zirkumzisionen ist die verringerte Anfälligkeit zur Masturbation. Eine lange Vorhaut ist reizend per se, da es mehr Manipulation der Geschlechtsteile während des Bades notwendig macht. Das verleitet das Kind dazu mit diesen Teilen zu hantieren, und in aller Regel, werden lustvolle Empfindungen durch diese extrem empfindliche Schleimhaut, mit dadurch resultierender Manipulation und Masturbation. Die Entblößung der Eichel infolge der Zirkumzision... verringert die Empfindlichkeit des Organs Es obliegt daher dem Arzt, dem Familienberater in Fragen der Hygiene und der Medizin, ihre Akzeptanz voranzutreiben."

Weiter vor im Jahr 1915, riet Dr. L.W. Wuesthoff in Benefits of Circumcision. Medical World, (1915) Ausg.33. S. 434, folgendes :

    "Die Zirkumzision reduziert nicht nur das Empfindungsvermögen des Penis, sondern auch die sogenannte Leidenschaft, auf die so viele verheiratete Männer so extrem stolz sind, zum Nachteil ihrer Frauen und ihres Ehelebens. Viele jugendliche Vergewaltigungen könnten vermieden werden, auch viele Trennungen und Scheidungen, und viele unglückliche Ehen verbessert werden, wenn diese widernatürliche Leidenschaft durch eine rechtzeitige Zirkumzision beseitigt würde."

1917 in einer überarbeiteten Ausgabe der "The People's Home Library", A Library of Three Practical books Published by R.C Barnum Company (dt. Der Heimbibliothek des Volkes, Eine Bibliothek von 3 Nützlichen Bücher veröffentlicht von der R.C Barnum Company) wurden Jungen und Mädchen gleich behandelt, als Eltern folgender Rat erteilt wurde:

    "Zirkumzision und Operation der Klitoris. Die Beschneidung ist die Entfernung der Vorhaut beim Manne. Manchmal muss die Klitorisvorhaut beschnitten oder zurückgezogen werden. Manchmal ist die Vorhaut oder die Klitorisvorhaut so eng, dass sie Irritationen auslöst und Leidenschaften erregt und diese können Masturbation verursachen. Ist das der Fall, sollte diese Operation erfolgen. Eltern sollten sehr sorgsam auf diese Zustände achten, da sie, neben einem verderbten Geist, die Ursache für viele unmoralische Praktiken sind. Jeder Elternteil sollte dafür sorgen, dass diese Operationen durchgeführt werden, wenn es notwendig ist, und das ist es sehr häufig auch. Wie häufig, sehen wir an den Kleinen, die sich an ihren Geschlechtsteilen reiben. Wann immer ein Kind dabei beobachtet wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass es entweder unrein ist oder eine der oben genannten Operationen braucht. Lassen sie ihr Kind nicht durch Vernachlässigung zum unfreiwilligen Masturbator werden."

Und schließlich im Jahr 1935 gibt der treffend genannte R.W. Cockshut in seinem Brief an das British Medical Journal, Ausg 2, (1935): S.764. den folgenden erbaulichen spirituellen Rat:

    "Ich empfehle alle männlichen Kinder zu beschneiden. Das ist "wider die Natur", aber das ist genau der Grund, warum es getan werden sollte. Die Natur sieht vor, dass der adoleszente Junge so oft und so promiskuitiv wie möglich kopuliert und aus diesem Grund bedeckt sie seine Eichel, sodass diese immer fähig ist Reize zu empfangen. Die Zivilisation, im Gegensatz dazu, verlangt Keuschheit, und die Eichel des Beschnittenen nimmt schnell eine lederartige Textur an, die weniger empfindlich als Haut ist. So wird die Aufmerksamkeit des Jugendlichen weniger häufig auf seinen Penis gerichtet. Ich bin überzeugt, dass die Masturbation unter den Beschnittenen weit weniger verbreitet ist. In Anbetracht dieser Überlegungen scheint das Argument unangebracht, "dass Gott am besten wisse, wie er kleine Jungen macht."

  • Philip Gordon ist an unabhängiges Mitglied von NORM-UK.
  • Die im Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht notwendigerweise die der Wohltätigkeitsorganisation wieder.
  • Diese Seite enthält keine medizinischen Empfehlungen

Für weitere Information über die sexuellen Auswirkungen der Zirkumzision siehe: Beschneidung und Sexualität; Für weitere historische Ärteaussagen:  Eine kleine Geschichte der Beschneidung in den eigenen Worten der Ärzte